Lodwar 2009

Reisebericht Lodwar 2009

Die Unruhen und die Bildberichte von Mord und Vertreibung nach den Präsidentschafts­wahlen im Dezember 2007 sind uns noch gegenwärtig. Wir waren damals in großer Sorge um unsere Freunde in Nairobi und Lodwar, da die Situation schnell zum Bürgerkrieg eskalieren konnte.

Engpässe in der Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser, Strom und Treibstoffen taten ihr übriges.

Da Internet und Mobilfunknetz funktionierten, wurden wir ständig über die Entwicklungen informiert und wussten, dass unseren Freunden bisher nichts passiert war.

Dank des Einsatzes von Kofi Anan konnte eine Kompromisslösung zwischen den rivalisierenden Lagern von Präsident Moi Kibaki und Herausforderer Raila Odinga, dem heutigen Premierminister Kenias, gefunden werden.

Ein sehr dünnes Band verbindet die Beiden, aber bisher hält es und hat zu einer Stabilisierung der Lage in 2008 geführt.

Zum Ende des Jahres 2008 beruhigten sich dann auch die Stammesunruhen wieder, obwohl die Narben tief sind und noch viele Jahre brauchen, um zu verheilen.

Es war für uns unvorstellbar, dass in nur wenigen Wochen aus Nachbarn Feinde, Menschen ermordet und Familien vertrieben wurden, nur weil sie einem anderen Stamm angehörten.

Zum Jahresanfang 2009 stand für uns fest, wir fahren nach Kenia.

Children of the VCP

Children of the VCP

Obwohl beruflich sehr eingespannt, haben wir doch eine Lücke von drei Wochen Ende Februar, Anfang März von Terminen freihalten können.

Yvonne ist in Lodwar nicht nur für das Bethany-House verantwortlich, sondern betreut auch ein Projekt für benachteiligte Kinder.

Sie hat uns gebeten, Materialien für die frühkindliche Bildung mitzubringen und einen Workshop für Erzieher durchzuführen.

Andrea, Leiterin einer Förderschule in M-V, hat uns aus ihrer umfangreichen Sammlung, tolle, kindgerechte Unterrichtsmaterialien zur Verfügung gestellt.

Ich kaufte noch kurz entschlossen einen der sparsamen Slimline-PC mit dem Intel Atom-Prozessor, um damit einen Arbeitsplatz im Bethany-House aufzubauen.

Count the numbers

Count the numbers

Um die Arbeitsblätter haltbar zu machen, stellte der Verein aus den Spendengeldern ein Laminiergerät und entsprechende Folien zur Verfügung.

Wir standen wieder vor einem Berg von Gepäck, aber unsere Fluggesellschaft hatte ein Sonderangebot für Afrikaflüge offeriert – 46kg Gepäck pro Person, das würde gerade so reichen.

Lodwar

Lodwar

Das eigentliche Problem war der Weiterflug mit MAF von Nairobi nach Lodwar. Wie immer wurde hier um jedes Kilogramm gerungen. Wir hatten zu viel Gepäck aber das notwendige Glück bei den Offiziellen.

Als wir vom Projekt und den dringend benötigten Materialien berichteten und auch den Piloten überzeugten, konnten wir alles mitnehmen. Unser Glück hatte einen realen Hintergrund. Die PC12, das Flaggschiff der MAF Flotte, die auf unserer letzten Reise 2007 so viel Pech hatte, war wieder einsatzbereit und konnte deutlich mehr Last tragen, als andere Flugzeuge.

Plötzlich und völlig unerwartet stand Fernando vor uns. Er war auf dem Rückweg nach Lodwar und genauso überrascht wie wir. Jetzt konnten wir die wichtigsten Neuigkeiten aus erster Hand erfahren. Fernando hatte 2006 die entscheidenden Weichen für das Projekt gestellt und wir sind seit dieser Zeit freundschaftlich verbunden. Ab und an gelingt uns ein direkter Kontakt über Skype und er berichtet über die Entwicklungen in Lodwar und Todonyang.

Exchange with Fernando

Exchange with Fernando

Nach fast zwei Jahren des friedlichen Zusammenlebens der Stämme am Grenzfluss Omo nach Äthiopien waren wieder Kämpfe ausgebrochen und 300 Dorfbewohner in seine Mission geflohen.

Obwohl sich die Situation wieder beruhigt hatte, haben sich die Dorfbewohner an das fließende Wasser, den Solarstrom und die festen Zelte gewöhnt und machen keine Anstalten in ihr Dorf zurückzukehren. Da aber nicht ausreichend Futter für die Ziegen der Merille zur Verfügung steht, ist er guter Hoffnung, dass die friedliche Okkupation bald ein Ende hat.

Auch das Computerzentrum arbeitet zuverlässig, obwohl die Stromversorgung große Probleme bereitet. Lodwar ist aufgrund der großen Entfernung nicht an eine Überlandleitung angeschlossen. Der Strom wird mit mehreren Generatoren erzeugt und reicht nicht für den gesamten Ort. Daher werden einzelne Stadtteile in unregelmäßigen Abständen abgeschaltet. Für ein Computerzentrum ein unhaltbarer Zustand.

In Lodwar leben seit den Unruhen ca. 3500 Flüchtlinge in zwei Zeltlagern. Die Versorgung der Flüchtlinge stellt die Diocese vor zusätzliche Aufgaben, so dass sich Tim, unser Projektverantwortlicher Vor-Ort mehr um Impfungen, Nahrungsmittelverteilung und Hühnerprojekte kümmern muss, als um die Computerkurse.

Auf dem Flug treffen wir noch eine Freundin von Veronica. Sie ist Lehrerin in Holland und auf einer Safari durch Afrika. Die Welt ist ein Dorf!

Der Flug verging schnell und Tim und Roseline, die sich extra für uns schick gemacht hatte, empfingen uns wie alte Bekannte. Wir gehören zur Familie.

Auch Yvonne war hoch erfreut uns wiederzusehen. Wir tauschten die wichtigsten Erlebnisse des letzten Jahres aus und genossen Kenianischen Kaffee und unsere mitgebrachte Schokolade.

Dann holte Tim uns ab und wir fuhren zum Computerzentrum. Wir fanden es genauso vor, wie wir es 2007 verlassen hatten. Die Computer funktionierten.

Test

Test

Die Teilnehmer des ersten IT-Essential Kurses bereiteten sich auf ihre Abschlussprüfung vor. Das gibt uns ein gutes Gefühl und macht Mut, das Projekt auch in Zukunft weiter voran zu treiben.

Georgeous, der IT-Techniker, hat hier einen festen Arbeitsplatz zur Betreuung des Centers und für die Beaufsichtigung der Surfer am Nachmittag. Er macht uns gleich auf sein Hauptproblem aufmerksam – Viren.

USB-Sticks sind auch in Lodwar auf dem Vormarsch und Viren verbreiten sich hier in Windeseile, da Virenscanner kaum eingesetzt werden. Ich hatte schon damit gerechnet, aber ich war nicht bereit, die völlig überteuerte AntiVirensoftware in Nairobi zu kaufen. Der Download einer freien Software brachte nicht den gewünschten Erfolg.

Mit Hilfe meines deutschen AntiViren-Paketes haben wir zwar alle Rechner „entseucht“, aber die deutsche Menüführung und Hilfetexte sind für unsere kenianischen Kollegen nicht wirklich hilfreich.

Wir planen gemeinsam die wichtigsten Aktivitäten für die Woche und treffen uns am Abend mit dem Kanzler der Diocese, um künftige Maßnahmen zu besprechen. Fernando ist auch eingeladen, verspätet sich aber über eine Stunde, da er noch einen Nottransport nach Lokichoccio organisieren musste, um einen Kollegen aus Nariokotome abzuholen, der von einer Schlange gebissen wurde. Wir sind wieder zurück in Afrika.

Workshop

Workshop

Am nächsten Morgen findet der Workshop mit den Erzieherinnen aus dem „Vulnerable Children Program“ statt.

Brit stellt die mitgebrachten Lernmaterialien vor und führt in einige grundlegende Ideen der Montessori –Pädagogik (de.wikipedia.org/wiki/Maria_Montessori) ein.

Die Erzieherinnen sind begeistert und beim Memory-Spiel vom Ehrgeiz gepackt.

Im Computerzentrum berichten die Trainer von ihren bisherigen Kursen.

Vier Wochen Einführung in MS-DOS, vier Wochen Tastaturtraining und 10-Finger-Schreiben, dann weiter mit Windows…

Offer for a new IT-course

Offer for a new IT-course

Mir wird klar, warum sich die Nachfrage nach den Kursen in Grenzen hält. Wir werden die nächsten Tage nutzen, um ein angepasstes Curriculum für einen Einführungskurs zu erarbeiten und parallel dazu ein kleines Marketing Konzept entwickeln.

Brit verabredet sich mit der Direktorin der Mädchenschule um mit ihr unsere Idee der Integration einer informatischen Grundbildung in die Ausbildung der Schülerinnen zu besprechen. Sie ist sofort begeistert. Roseline und Brit erarbeiten einen Lehrplan für ein Schuljahr mit jeweils zwei Stunden Grundlagen der Informatik pro Woche und stellen ihn den Lehrern der Schule vor.

Auch die Lehrer müssen fortgebildet werden. Dies wird Roselyn in den nächsten Monaten übernehmen.

Brit darf in einer Mathestunde hospitieren.

Learning for the future

Learning for the future

Obwohl knapp fünfzig Mädchen in einer Klasse unterrichtet werden und die Tische nicht breiter als ein A4-Blatt sind, ist die Klasse sehr diszipliniert und bearbeitet die Übungsaufgaben, die an der Tafel stehen.

Sie macht noch ein Foto von der Klasse und wird daraufhin von anderen Schülerinnen in ihre Klasse eingeladen.

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer, so dass sie jede Klasse fotografieren und viele Kinderhände schütteln muss. Aus dem geplanten kurzen Abstecher zur Schule ist ein ganzer Vormittag geworden.

In der Zwischenzeit mache ich eine Inventur des Computerzentrums. Anfang 2008 sind die 13 Pakete mit den Ergänzungsmaterialien für das Zentrum eingetroffen. Peter hat alles dokumentiert, was eingegangen und an welche Personen ausgereicht wurde.

Meine Frage, wo denn der externe DVD-Brenner angeschlossen ist, wundert ihn. Ein Brenner war nicht dabei, nur DVD-Rohlinge. Nach einigem Suchen entdecke ich die drei externen USB-Gehäuse in denen ich den Brenner und ein weiteres Laufwerk eingebaut hatte in einem unscheinbaren Karton. Durch das oben liegende Leergehäuse waren ihnen die beiden anderen entgangen.

Peter strahlt, damit konnte ein weiterer Punkt von der Ausstattungswunschliste gestrichen werden.

To draw up an inventory

To draw uo an inventory

Der gewissenhafte Umgang mit der gespendeten Technik stimmt uns sehr zuversichtlich. Immerhin sind wir allen Spendern verpflichtet, dass die Gelder nicht nur für das Projekt eingesetzt, sondern dass die Geräte auch nachhaltig genutzt werden.

Wir haben auch die ersten Spenden unserer Fotoausstellung an der FHöVR Güstrow im Gepäck. In Abstimmung mit den Spendern werden wir das Geld als Stipendium für die Teilnahme an den Computerkursen einsetzen. Monica, eine der jungen Erzieherinnen, wird ein solches Stipendium erhalten.

Am Abend folgt die obligatorische Stromabschaltung. Wir sitzen bei Kerzenschein und lauschen den vielen Geräuschen einer afrikanischen Nacht.

Die Stille wird unterbrochen durch einen Lautsprecherwagen im Dorf. Es werden die Nachrichten des Tages verlesen.

Für viele Dorfbewohner ist dies die einzige Informationsquelle und eine sehr effektive dazu. Als Medienpädagoge frage ich mich natürlich, wer die Nachrichten zusammenstellt und ob die Hörer den Unterschied zwischen Information und Meinung kennen.

Am Morgen berichtet Yvonne von der neuesten Errungenschaft der Diocese. Seit zwei Wochen gibt es eine eigene Radiostation in Lodwar.

Media poster

Media poster

Wer einen Empfänger besitzt, kann eine Auswahl von Musik, Interviews und eben die neuesten Nachrichten des Tages direkt empfangen.

Den beiden Betreibern der Radiostation sind die Deutschen in Lodwar nicht entgangen. Wir sehen uns schon am kommenden Tag einem Mikrofon gegenüber und werden über das Projekt und die neuesten Kurse interviewt.

Wir treffen einen dritten Deutschen, Immo Eulenberger. Er arbeitet für die Organisation Tierärzte ohne Grenzen und ist im Moment ohne Job, aber zuversichtlich, dass einer seiner Projektanträge genehmigt wird, damit er hier weiterarbeiten kann.

Er ist uns absolut dankbar, dass es das Computerzentrum gibt und dass das Zentrum der Öffentlichkeit zugänglich ist. Nur so konnte er sich an der letzten Ausschreibung beteiligen und hält E-Mail Kontakt nach Deutschland. Wir hatten nur wenig Zeit uns auszutauschen, er musste noch heute weiter nach Lokichocio.

Für den Sonntag hatten wir eine Einladung von Veronika. Für besondere Anlässe haben wir unsere Schokolade im Gepäck. Das war natürlich der absolute Renner.

Visit to Veronica

Visit to Veronica

Veronicas NGO lief auch nicht problemlos. Die Wirtschaftskrise wirkt sich sowohl auf die Spendenbereitschaft, als auch auf die Entwicklungshilfeprogramme aus.

Sie ist fast sechs Monate im Jahr in Lodwar, um in der Turkana Hilfsprojekte im Gesundheitsbereich, in der Landwirtschaft und in der Bildung von Frauen zu unterstützen. Sie ist sich im Moment aber nicht sicher, ob sie ihr Engagement in diesem Umfang auch künftig aufrecht erhalten kann.

Während die Wirtschaftskrise in Europa, außer in den Nachrichten, noch nicht wirklich spürbar ist. Nimmt sie in Kenia, verbunden mit einigen Fehlentscheidungen im Landwirtschaftsministerium, dramatische Ausmaße an.

Ein Kilogramm Maismehl, das zu den Grundnahrungsmitteln zählt, kostete vor einigen Monaten 40 Schillinge (ca. 40 cent). Aus Maismehl wird der Maisbrei (Ugali) gekocht oder Maisfladen (Tschapati) gebacken.

Ugali und Tschapati werden zusammen mit Gemüse oder Fleisch gegessen. Da viele Familien mit einem Euro pro Tag auskommen müssen, sind Gemüse oder Fleisch eher selten. Ein Großteil der Maisreserven wurde durch die kenianische Regierung nach Somalia verkauft, so dass der Maispreis auf dem heimischen Markt explodierte.

Er hatte mit 120 Schillingen vor drei Wochen seinen Höchststand erreicht und liegt heute bei 90 Schillingen. Damit war es vielen Familien zeitweise unmöglich ihren Kindern täglich eine Mahlzeit zu bereiten und der Hunger breitete sich, von ihnen unverschuldet, aus.

In der Vergangenheit konnten wir noch ein weiteres Phänomen beobachten. Als 2008 die Benzinpreise ihr Rekordniveau erreichten, war es profitabler aus Getreide Bio-Diesel zu produzieren, als Mehl herzustellen. Auch das beeinflusste den Preis von Maismehl erheblich.

Wenn man der Wirtschaftskrise etwas Gutes abgewinnen kann, dann den Umstand, dass die Benzinpreise gesunken sind und Bio-Diesel momentan unattraktiv ist. Es fragt sich allerdings, wie lange.

Am kommenden Tag passierte es!

Der vor wenigen Wochen in Betrieb gegangene hochmoderne Hauptgenerator zur Stromerzeugung fiel aufgrund einer Fehlbedienung aus und Lodwar war ohne Strom.

Der einzige Ingenieur, der diesen Generator bedienen kann, lebt in Nairobi und es ist Freitag. Moderne Technologien findet man an vielen Orten Kenias. Leider kann die Ausbildung der notwendigen Techniker und Ingenieure hier nicht Schritt halten, so dass immer wieder Engpässe entstehen. Diese Engpässe sind es, die einen Teufelskreis in Gang setzen.

Ohne Strom kann kein Wasser in die Häuser gepumpt werden und die Menschen gehen zum Fluss, der alles andere als sauber ist, um Wasser zu holen.

In Lodwar kann man es zwar drei Tage ohne Strom, aber nicht drei Tage ohne Wasser aushalten.

Krankheiten breiten sich aus, es mangelt an Ärzten und ausreichenden Medikamenten. Neue Engpässe entstehen.

An diesem Wochenende beginnt die Fastenzeit. Der Erzbishop wird kommen und die Prozession anführen. Für uns hat dieses kirchliche Fest zumindest ein Gutes. Am Samstagnachmittag landet eine Maschine außerplanmäßig auf dem Airstrip. Zwei Stunden später hat Lodwar wieder Strom und unser Computerzentrum kann weiterarbeiten.

Wir nutzen den Sonntag, um den Computerarbeitsplatz im Bethany-House einzurichten und Yvonne in die Bedienung des Laminators einzuweisen.

Paul and Joachim laminate

Paul and Joachim laminate

Auch Joachim und Paul sind hoch erfreut über die modernen Geräte, jetzt können sie endlich ihre neu erworbenen Computerkenntnisse anwenden.

Die Woche ist viel zu schnell vorbei. Wir laden unsere IT-Trainer und Tim zum Abschiedsessen ein und überreichen ihnen neue USB-Sticks, verbunden mit dem Hinweis, auf die Viren acht zu geben.

Tim bitten wir, eine Klassenraumlizenz Anti-Virensoftware in Nairobi zu bestellen und uns die Rechnung nach Deutschland zu schicken.

Kwaheri – Auf Wiedersehen